Odi et amo – Zum Schmerz

Es begann mit diesem Tweet:

Mein Kopf arbeitet seit dem an diesem Thema und ich versuche mal, es hier ein wenig zu sortieren.

Odi

Schmerz ist für mich schon immer ein Teil meines Lebens gewesen. Ich weiß nicht genau, wann es begonnen hat, aber meine früheste bewusste Erinnerung an psychosomatische Schmerzen war in der fünften Klasse. Die erste Fünf in Mathe, ich musste sie von meinen Eltern unterschreiben lassen, hatte Angst und ein schlechtes Gewissen. Bis ich mich getraut hatte, meinen Eltern diese Arbeit zu zeigen, lag ich drei Tage im Bett mit Magen-Darm-Problemen. Damals habe ich die Macht meiner Gefühle, meiner Ängste, sehr deutlich gespürt: sie können etwas mit meinem Körper anstellen und mich quälen. Diese Krämpfe, im Laufe der Jahre kamen dann noch Stress-Kopfschmerzen hinzu, sind in keinster Weise angenehm. Das waren die Schmerzen, die lange Zeit Teile meines Lebens bestimmt haben. Dennoch habe ich etwas gelernt, nämlich dass man eine Menge aushält und auch positive Aufregung diese Schmerzen manchmal wert ist. Ich habe ein Stück weit die Angst vor Schmerzen verloren.

Amo

Vielleicht war es eine Gegenreaktion auf den ungewollten, nicht wirklich steuerbaren Schmerz, aber ich habe in meiner Kindheit begonnen, mir selber wehzutun. Es begann mit Fingernägel kauen, dieses wurde im Laufe der Zeit immer gemeiner, bis ich schließlich mit Pinzette und Schere dabei war. Ich gehe nicht näher ins Detail, mich schüttelt es heute selber bei dieser Vorstellung und zum Glück passiert mir das nur noch ganz selten (und wenn doch ohne Werkzeug. Da ziehe ich mittlerweile eine Grenze). Aber manchmal, wenn ich mir unterwegs einen Nagel einreiße, und ich den nur kurzbeißen will, damit ich nicht mit der Kante überall hängenbleibe… Naja. Scheint so, als würde es mir Spaß machen. Das war nicht die einzige Methode der Verletzung. Vom Fingernagel mal abgesehen, hatten meine Methoden eines gemeinsam: Sie waren unsichtbar für andere. Ich habe nur selten drüber geredet, habe das für mich behalten und für mich getan. Es gab eine längere Unterhaltung mit meinem damaligen Therapeuten, ob es sich dabei um Symptome meiner Borderline-Tendenzen handelt. Wir kamen zu dem Schluss, dass es damit vermutlich nicht viel zu tun hat. Es ging nie um dieses klassische Druck abbauen durch Verletzungen. Mir ging es um einen länger anhaltenden Schmerz, den ich nur für mich habe. “Entdeckt“ habe ich diese Schmerzen zufällig. Da war eine Verletzung, sie hat wehgetan und irgendwie… Fand ich dieses Gefühl ganz angenehm. Also führte ich diese Verletzung irgendwann selbst herbei. Gleichzeitig habe ich großen Spaß daran, mich zu pflegen und Wunden zu versorgen. Es ist ein wenig paradox, ich weiß. Ergibt für mich aber Sinn.

Ergo

Natürlich liebe ich, was der Schmerz in mir auslöst. Ich liebe diesen Moment, in dem die körpereigenen Drogen den Kopf fluten, diesen Rausch, wenn ich Nadeln setze, mich tätowieren lasse, mit jemandem spiele, mich intensiv fesseln lasse. Wie soll man das nicht lieben 🙂 Aber: Ich mag auch die Minuten vor den Rausch, wenn da noch nichts flutet. Wenn es einfach nur wehtut. Und ja, es wird intensiver, wenn ich den Menschen sehr gerne habe, der mir das antut. Ich kann mich aber auch auf einer Party von einem nahezu Unbekannten verhauen lassen und das genießen. Es mag naiv wirken, aber ich finde es eigentlich sehr schön, dass ich so schnell Vertrauen aufbauen und mich fallen lassen kann. Das ermöglicht mir tiefere Momente mit Menschen, die mir (noch) nicht sehr nahe stehen, die ich nicht missen möchte.

Es scheint bei mir nicht nur um die Wirkung und die Person zu gehen. Wenn ich mal wieder vom Zahnarzt komme, die neue Füllung schlecht sitzt und ich drei Tage für den Anruf brauche, um mir einen neuen Termin geben zu lassen, weil dieses gemeine Pochen, wenn ich zubeiße, eigentlich nicht unangenehm ist… Dann bin ich mir ziemlich sicher, dass ich auch den Schmerz an sich liebe. Ein vertrauter Feind, manchmal ein verhasster Gast, aber kontrolliert und gesteuert ein sehr, sehr guter Freund.

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Ein Kommentar zu „Odi et amo – Zum Schmerz

  1. „Vielleicht war es eine Gegenreaktion auf den ungewollten, nicht wirklich steuerbaren Schmerz“ … an dem Satz hänge ich gerade sehr, finde ich therapeutisch auch eine tolle Funktionserklärung, da es nicht auf jeden zutrifft die Gefühlslosigkeit durchbrechen zu wollen. Danke dafür 🙂

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