Consensual Nonconsent: ein Moment an der Grenze

Es war spät geworden. Wir hatten gegessen, gespielt, gefickt, es war ein sehr schöner Abend und wir fielen ins Bett. Ich liege sonst eigentlich immer noch eine ganze Zeit wach, aber an diesem Abend war ich einfach müde gespielt und schlief wohl sehr schnell ein, denn als nur kurze Zeit später eine Hand in meinen Nacken griff und mich mit einem “Du gehörst mir“ nach unten schob, war ich vollkommen überfordert und noch sehr weit weg von “wach“. Ich wehrte mich ein wenig, aber das verpuffte einfach in meiner Schläfrigkeit und seiner Kraft. Ich war mir auch nicht sicher, ob das gerade wirklich passierte. Vielleicht träumte ich ja nur. Es dauerte ein wenig, aber während er sich meinen Mund nahm, wurde ich klarer und war mir in meinem Hier und Jetzt immer sicherer. Er kam, wir kuschelten und schliefen ein. Erst am nächsten Morgen begann ich über das Erlebte nachzudenken.

Hatte er da eine Grenze überschritten? Ich würde sagen… Ein bisschen ja und dann nein.

Ja: hätte man mich in den ersten Minuten dieser Szene gefragt, ob ich das gerade tun möchte, wäre meine Antwort ein “Ich hab keine Ahnung“ gewesen und so ein schläfrig genuscheltes Etwas ist kein klares “Ja“. Ich war müde, ich war verwirrt, war mir nicht sicher, in welcher Realität ich gerade steckte. Vielleicht wäre es ein “Nein“ gewesen.

Gleichzeitig nein: Ich hatte keine Angst, es ging nicht um einen fremden Menschen, es ging um einen Herzmenschen, dem ich sehr gerne oral zur Verfügung stehe. Daher entspannte ich mich auch während dieser Sache und genoss sein Kommen, sein Stöhnen, und schlief danach an ihn gekuschelt ein.

Wir hatten nur über so etwas bisher nicht geredet, über ein Spiel gegen meinen Willen. Zumindest hatten wir da keinen Rahmen abgesteckt.


Es gibt im BDSM verschiedene Codizes, so nenne ich sie mal.

Der verbreitetste Grundsatz ist wohl SSC – safe, sane,consensual: Sicher, vernünftig und einvernehmlich. Ein durchaus guter Grundsatz, aber ich stoße da an Grenzen. Atemkontrolle ist nicht vernünftig. Blowjobs ohne Gummi sind nicht vernünftig. Spiele mit Wachs, Klingen, selbst mit dem Rohrstock können unvernünftig sein, und dabei habe ich das “sicher“ noch außen vorgelassen. Ich erinnere nur an den STI-Beitrag, nicht wahr?

Daher fühle ich mich im RACK wohler, Risk Aware Consensual Kink.

RACK ist ebenfalls ein moralisches Verhaltensmodell für Handlungen und Spiele im BDSM-Kontext. Es steht in einem klaren Kontrast zum Konzept von SSC. Aus Sicht der RACK-Praktizierenden setzt ihr Konzept weniger auf nur schwer greif- und messbare und vor allem individuell variable Kriterien wie „Vernünftigkeit“ und „Sicherheit“. Stattdessen stellt RACK die Einvernehmlichkeit der Handelnden in den Vordergrund und verknüpft diese mit der individuellen Risikobereitschaft der Beteiligten. Das Schwergewicht liegt also in hohem Ausmaß auf der Eigenverantwortung der Beteiligten und nicht auf einer von Dritten vorgenommenen absoluten Bewertung von Kriterien, die für individuelle Handlungen, Wünsche und Situationen nicht passgenau zu sein brauchen.

Quelle: Wikipedia

Und dann ist da eben Consensual Non-consent aka der Metakonsens.

Bei einem solchen Szenario erhält der Top (aktiver Partner) im Vorfeld vom Bottom (passiver Partner) bewusst die Erlaubnis, nach eigenem Maß über die Grenzen des Rollenspiels bzw. der sogenannten Session zu entscheiden. Im Gegensatz zu den üblicherweise anerkannten Prinzipien des sicheren, vernünftigen und einvernehmlichen Handelns (SSC), bei dem der Bottom jederzeit das Spiel durch Verwenden eines vereinbarten Signals, meist des sogenannten Safewords, beenden kann, wird hier bewusst auf diese Möglichkeit verzichtet. Es wird also zugestimmt, das Spiel gegebenenfalls auch ohne gegenseitiges Einvernehmen fortzusetzen. “

Quelle: Ja, Wikipedia.

Für mein Gefühl ist das eine Erweiterung des RACK. Hierbei muss ich dem Partner allerdings noch mehr vertrauen können, eben weil er im Zweifelsfall über mein “Nein“ hinweggehen darf, weil ich ihm ausdrücklich erlaubt habe, mein Weinen, Wimmern, Betteln zu ignorieren. Weil ich ihm dadurch eine Kontrollfunktion nehme, nämlich mein “OK“. Es passiert alles in seiner Verantwortung, da ist definitiv kein “Du hättest dich ja wehren können, ich dachte, du willst das so“ hinterher. Wenn es schlecht läuft ist das ein Freifahrtsschein in eine Grube voller Missverständnisse und ungewollter Folgen.

Und genau deswegen ist das ein Thema, das ich mit einer gewissen Vorsicht behandle. Man kratzt hier an der Grenze zu Missbauch und Vergewaltigung, nicht zwangsläufig, aber der Weg dahin kann sehr kurz sein und auch noch unabsichtlich betreten werden. Wenn mein Top denkt, dass ein harter Fick jetzt genau das richtige wäre und ich es hinter einem spontanen Absturz in Fessel, Knebel und CNC nicht schaffe, mein “Verdammte Scheiße, NEIN!!“ zu formulieren, fickt er mich eben hart, gegen meinen Willen, im besten Glauben, das Richtige zu tun.

Ich denke, man sollte es sich als Sub gut überlegen, wem man diesen Spielraum anbietet und welche Grenzen man dort eventuell zieht (Ja, für mich ist das vollkommen ok, wenn Menschen sagen “Du darfst sehr viel, aber nicht alles“). Außerdem sollte man sich wirklich klarmachen, dass es Risiken gibt und ob man mit diesen leben kann. Ich bin kein Pessimist, aber den Worst Case könnte man mal durchdenken und anfühlen.

Auch für den dominanten Part dürfte das nicht einfach sein, denn mit der Macht kommt auch die Verantwortung (Kihihi!). So ein Safeword ist ja nicht nur für den Bottom eine Sicherheit, auch für den Top ist dann klar, dass es da Richtung “zu weit“ geht, selbst wenn er sein Gegenüber (noch) nicht so gut lesen kann, wie wir uns das immer alle wünschen. Er spielt im CNC ohne dieses Netz.


Mittlerweile haben wir natürlich darüber geredet und ich bin mir noch nicht ganz sicher. Dieser Teil mit “Auch Safewords gelten dann nicht“ macht mir Angst, ganz ehrlich. BDSM ist immer eine Frage der Situation, der Stimmung, der Gesundheit, etc. Ich zweifle da nicht an meinem Partner, ich zweifle an meiner Stabilität, die ich nicht immer hundertprozentig gewährleisten kann. Ansonsten habe ich kein Problem, meinem Partner einen Raum einzuräumen und mit den Dingen aus diesem Raum konfrontiert zu werden, auch ohne mein Einverständnis in diesem speziellen Moment. Wie ich schon mal sagte: Ich muss nicht mit dem Schmerz in einem konkreten Moment einverstanden sein, solange ich es mit dem großen Ganzen bin. Im Gegenteil, ich liebe es, für den Moment nicht einverstanden zu sein, ich liebe das Feuer, das sich dann in mir ausbreitet und glaubt mir, man sieht es lodern in meinen Augen. (An diesem Feuer durften NHD und ich uns bei unserem ersten Spiel wärmen <3, hach, romantisch auf eine sehr, sehr schmerzhafte Weise.) Für mich ersetzt CNC in gewisser Weise das Konzept der O. Ich spare mir den von mir ungeliebten Original-Kontext und hab im Endeffekt die moderne O.

Aber ob jetzt O oder CNC, es braucht Zeit, bis man dem Partner so weit vertrauen kann. Diese Zeit nehme ich mir und die solltet ihr euch auch nehmen.

Um zum Abschluss aus einem sehr lesenwerten Beitrag aus dem Blog meines ehemaligen Herrn zu zitieren:

Achtet bitte darauf, wer mit euch spricht, wie er das tut und was das mit euch macht. Wenn ihr #CNC nicht selbst fühlen könnt, dann tut euch das einfach nicht an. Und bleibt beim #SSC.

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Ein Kommentar zu „Consensual Nonconsent: ein Moment an der Grenze

  1. Tara du betrittst mit diesem Thema ein Gebiet, das nicht zu verallgemeinern ist und sehr individuell zu handhaben ist. RACK oder CNC ist ganz und gar davon abhängig, inwieweit sich die Partner kennen und wie groß ihr Vertrauen in den anderen ist. Da kann es hilfreich sein, sich in kleinen bedachten Schritten von SSC hin zu CNC mit viel Einfühlungsvermögen und langen Gesprächen zu bewegen. Der eine gibt seine Grenzlinien mehr und mehr auf, und im gleichen Maße erhöht sich die Verantwortung des Partners. Jeder träumt davon, die Grenzen zu verschieben, aber von dem Traum zur Wirklichkeit ist es eine lange Strecke. Dein geschildertes nächtliches Erlebnis, ist für mich ein Grenzgebiet, was ich nicht mit jeder Sub machen würde. Vertrauen und Einvernehmlichkeit des Handelns müssen schon weit fortgeschritten sein.

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